4. Verhaltensweisen und ihre Bewertungen

4.1 Was Befragte "schlimm finden" nach Geschlecht

Da viele unserer Befragten angaben, dass ihnen das Gewissen hilft, zwischen falsch und richtig, gut und schlecht zu unterscheiden, wollten wir auch wissen, worin das Gute oder Schlechte jeweils gesehen wird. Wir stellten verschiedene Verhaltensweisen und Orientierungen zur Auswahl und fragten, für "wie schlimm" diese von den befragten Hallensern bewertet werden. Dazu gehörten z. B. Verhaltensweisen wie "zum eigenen Vorteil lügen", "Geschlechtsverkehr mit häufig wechselnden Partnern haben" oder "Abtreibung vornehmen" - Dinge also, zu denen Menschen durchaus unterschiedliche Meinungen haben können.

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Der Vergleich über die Geschlechter hinweg zeigt, dass sich Männer und Frauen in vielen Fällen darüber einig sind, was sie als "schlimm" ansehen. 90 % der männlichen und 92 % der weiblichen Befragten schätzen das Beziehen staatlicher Leistung ohne einen Anspruch darauf zu haben als "sehr schlimm" oder "ziemlich schlimm" ein. Die Einstellungen zu den übrigen Verhaltensweisen unterscheiden sich zwischen Männern und Frauen ebenfalls nur minimal. Erst bei den Handlungen mit den niedrigsten Ablehnungsraten (geringerer Anteil an Befragten, die mit "sehr schlimm"/"ziemlich schlimm" antworten) gibt es wieder größere Unterschiede: So finden mehr Frauen als Männer, dass es schlimm sei, eine Abtreibung vorzunehmen, während Homosexualität häufiger von Männern abgelehnt wird. Unabhängig davon zeigt sich im Vergleich zu den anderen vorgegebenen Handlungen, dass Abtreibung und Homosexualität von den wenigsten Befragten als "schlimm" angesehen werden. Ein größerer Teil der Personen zeichnet sich also durch eine tolerante Haltung z. B. gegenüber der sexuellen Orientierung eines Menschen aus.

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4.2 Was Befragte "schlimm finden" nach Alter

Größere Differenzen zeigen sich zwischen jüngeren und älteren Befragten. So ist zum Beispiel der Konsum von Marihuana für Personen in der ältesten Altersgruppe fast genauso schlimm, wie staatliche Leistungen unberechtigt zu beziehen, gefolgt von "zu viel erhaltenes Wechselgeld behalten" und Schwarzfahren. Personen zwischen 38 und 59 Jahren erachten währenddessen eher "Lügen zum eigenen Vorteil" und "falsche Angaben bei der Steuererklärung zu machen" als schlimm. Personen in der jüngsten Altersgruppe finden indes eher "Selbstmord begehen" und das "Lügen zum eigenen Vorteil" schlimm. Bei dem Vergleich über alle Handlungen hinweg zeigt sich, dass jüngere Befragte seltener als ältere Befragte dazu neigen, Verhaltensweisen als verwerflich zu beurteilen.

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4.3 Hilfreiche Kommentare der Befragten

Viele Hallenser beantworteten unsere Fragen nicht nur mit den vorgegebenen Feldern, sondern notierten zusätzliche Anmerkungen und Kommentare am Rand oder unter die jeweiligen Fragen. Darunter finden sich auch mehrere wertvolle Hinweise zu den Bedingungen, unter denen die jeweiligen Verhaltensweisen als "schlimm" oder "nicht schlimm" zu bewerten seien. So notierten einige Befragte neben der Verhaltensweise "Marihuana konsumieren", dass sie dies als "überhaupt nicht schlimm" erachten, insofern der Konsument eine Krankheit hat und Marihuana als Schmerzmittel eingesetzt wird. Während diese Befragten den Haschischkonsum also aus medizinischen Gründen befürworten, trifft diese Zustimmung unter anderen Bedingungen offenbar nicht zu.

Häufig findet sich eine solche Einschränkung auch bei "Abtreibung vornehmen" und "Selbstmord begehen", wo einige Befragte nach der Ursache für diese Handlungsweisen fragen. Je nach Rahmenbedingung (z. B. dem Alter der schwangeren Mutter) wird diese Handlung unterschiedlich bewertet. Viele Befragte weisen auch auf eine begriffliche Unklarheit bei der Handlung des Selbstmordes hin. So lautet z. B. ein Kommentar, dass Selbstmord "schlimm" im Sinne von "tragisch" ist, aber keineswegs im Sinne von "verwerflich".

Einige Befragte relativierten ihre jeweiligen Einschätzungen auch, indem sie z. B. "situationsbedingt" neben ihrer Antwort notierten. Andere wiesen darauf hin, dass es "auf das Geschäft ankommt", ob man das Behalten von zu viel erhaltenem Wechselgeld als "schlimm" erachtet oder nicht. Bei der Frage zu den falschen Angaben in der Steuererklärung geben einige Befragten an, dass es wiederum "von der Höhe des zu versteuernden Einkommens abhängt", ob sie es als "schlimm" bewerten.

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4.4 Was Befragte "schlimm finden" nach Wertorientierungen

Dass die Werteorientierungen (siehe Unterpunkt 3 für Erläuterungen zu den verschiedenen Wertorientierungen) in einem gewissen Zusammenhang mit dem Gewissen stehen, haben wir bereits festgestellt. Doch wie steht es mit den Vorstellungen zur wahrgenommenen Verwerflichkeit bestimmter Handlungsweisen? Der Übersichtlichkeit halber haben wir jeweils die drei Handlungen ausgewählt, die unter Personen mit verschiedenen Werteorientierungen die größte Ablehnung fanden. Genau wie bei den bisherigen Auswertungen finden auch hier alle Wertetypen das Beziehen staatlicher Leistungen ohne bestehenden Anspruch schlimm, wenn auch mit unterschiedlich großer Zustimmung. Auf den zweiten und dritten Plätzen gibt es jedoch Unterschiede. Befragte mit hedonistischen oder leistungsorientierten Werten halten zum Beispiel häufiger Suizid für schlimm, wobei bei den leistungsorientierten Befragten die Ablehnungsrate für die meisten Handlungen (außer das Beziehen staatlicher Leistungen ohne Anspruch) kaum variiert. Eher konservativ-regelorientierte Befragte fanden hingegen deutlich mehr Handlungen "sehr schlimm" oder "ziemlich schlimm", vor allem den Konsum von Marihuana und die falschen Angaben bei der Steuererklärung (was allerdings auch bei den anderen Wertetypen häufig abgelehnt wird). Altruistische und erlebnisorientierte Personen empfanden zwar die gleichen drei Handlungen am häufigsten für schlimm ("Staatliche Leistungen ohne Anspruch beziehen", "Lügen zum eigenen Vorteil" und "falsche Steuererklärungen"), dies jedoch mit unterschiedlich hoher Zustimmung und vermutlich aus anderen Gründen.

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